Jun 19, 2018

GSB goes east- unser Reisebericht aus St. Petersburg

„Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen“

Dieser Vers aus einem Gedicht von Olga Bergholz, einer Überlebenden der Blockade von Leningrad, gilt als Vermächtnis für die Opfer ebenso wie für die Überlebenden dieses 900 Tage andauernden Dramas um die zweitgrößte Stadt der Sowjetunion.

Dieses Vermächtnis, einem Schwur gleich, hat unsere Gruppe während unseres einwöchigen Aufenthaltes in St. Petersburg vom 19. März bis 26. März 2018 begleitet. Unsere Gruppe besteht aus 9 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 8-10 aus der STS Bergedorf (GSB) und 11 Schülern der Klasse 10b der Charlotte- Paulsen Gymnasiums (CPG), begleitet von den Lehrerinnen Gerda Schmidt und Gudrun Petri.

Seit April 2016 haben wir diese Reise vorbereitet. Die Idee für dieses Projekt kam vom Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge, LV Hamburg, der uns personell, organisatorisch und inhaltlich bei der Umsetzung großartig unterstützt hat. Finanziert wurde diese Reise zu großen Teilen von der Schulbehörde und der Jugendbehörde (Deutsch-Russischer Jugendaustausch). Im Mittelpunkt unserer Reise stand die Frage, wie in St. Petersburg heute von Jugendlichen und alten Leuten an die Leiden des Zweiten Weltkrieges (speziell an die Blockade) erinnert wird, und welche Unterschiede wir im Vergleich zur Deutschen Erinnerungskultur feststellen. Diese Frage ist für Schüler einer 8. Klasse eher abstrakt, die Begegnungen, die uns in dieser Woche mit noch lebenden Zeitzeugen, mit Schülern unserer Partnerschulen, mit stummen Gräberfeldern und riesigen Mahnmalen ermöglicht wurden, haben uns aber vielfältige Antworten auf diese Frage gegeben

Unser Reisetagebuch:

Montag, 19.März 2018: Nachmittags Ankunft in dichtem Schneetreiben am Flughafen Pulkovo in St. Petersburg mit großem Bahnhof: Begrüßung durch die Kolleginnen Irina und Natascha mit 10 Schülern unserer Partnerschule 45. Auch unsere Kooperationspartnerin aus der Deutsch- Russischen Gemeinde Anna Muravska ist da und lots uns sicher in unser Hotel.

Dienstag, 20.März 2018: Frühe Fahrt mit der überfüllten Metro ans andere Ende der Stadt zur Schule 45. Rolltreppe und die Chance als Gruppe in einen Zug zu kommen sind eine Herausforderung, aber wir schaffen es. Kein Russisch zu verstehen und die Wörter nicht lesen zu können, hat manch einen von uns beunruhigt. In der Schule 45 herzlicher Empfang. Präsentationen von Schülergruppen über das schuleigene Kosmonautenmuseum und die Blockade, auf Englisch! Wir sehen einen Lehrfilm über die Blockade und die Auswirkungen auf die Bevölkerung bis heute. In der Gruppenarbeit mit anschließender Präsentation auf Englisch lernen unsere Schüler mehr über die Blockade und über die Straße des Lebens. Schülerinnen und Schüler der Unterstufe singen für uns ein Lied, wo es um das Leid und den Mut der Frauen, Kinder und alten Leute während der Blockade geht. Nach dem Mittagessen schildert uns die 81 jährige Lydia Michailova als Zeitzeugin ihre Erinnerungen an die Blockade-Zeit und beantwortet die Fragen der Hamburger Schüler. Lydia spricht das erste Mal vor deutschen Schülern, was für sie etwas ganz Besonderes ist. Ihr Botschaft: Erinnert euch an die Schrecken des Krieges und sorgt dafür, dass es nie wieder Krieg gibt. Das schriftliche Feedback der Schüler aus Hamburg und St. Petersburg ist sehr verschieden: Begriffe wie Scham, Schuld, Entsetzen, Trauer, Stolz sind häufig zu lesen. Später berichten die Schüler der GSB ihren russischen Partnern vom Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener/Zwangsarbeiter in Bergedorf, über den Gedenkfriedhof und die Gedenksteine. Roman und Marta übersetzen. Am Ende lassen wir weiße Luftballons in den blauen Himmel aufsteigen, als Zeichen des Friedens.

Mittwoch, 21. März 2018: Fahrt zur Schule 481. Diesmal passen wir nicht zusammen in eine Metro. Aber irgendwie schaffen wir es dann doch alle bis zur Schule. Die ist offiziell kurzfristig wegen der Grippewelle geschlossen worden, wie alle anderen Schulen von St. Petersburg auch. Aber die Kollegin Irina und ihr Team machen das Unmögliche wahr: mindestens 20 Schüler kommen freiwillig, um mit uns Hamburgern zum Thema zu arbeiten. Sie führen ein Theaterstück auf, das sie schon am 27. Januar gezeigt haben (an dem Tag wird alljährlich das Ende der Blockade gefeiert). Nach dem Mittagessen Begrüßung durch den stellvertretenden Bezirksbürgermeister. Danach haben wir Zeit mit Zeitzeugen zu sprechen. Fünf Frauen sind gekommen. Um Sie herum sitzen Hamburger und St. Petersburger Schüler und stellen ihre Fragen. Unsere Schüler sind beeindruckt davon, wie offen und zugewandt die alten Damen mit ihnen sprechen. Von Deutschfeindlichkeit haben sie nichts gespürt, ganz im Gegenteil, die Damen haben das Interesse der Hamburger an dem Thema gelobt und uns den Auftrag gegeben, in Frieden miteinander zu leben.

Donnerstag, 22.März 2018: Wir machen einen Rundgang durch das Stadtzentrum, vorbei an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten, stapfen durch hohen Schnee und schlittern über vereiste Gehwege. Nachmittags treffen wir uns mit Studenten des Deutsch-Russischen Jugendclubs in der Petri-Kirche, die sich wundern, dass wir extra wegen des Themas nach St. Petersburg gekommen sind. Und wir wundern uns, wie schwer es ist, über politische Fragen ins Gespräch zu kommen.

Freitag, 23.März 2018: Endlich öffnen sich die Türen für die Schätze und die Geschichte der Eremitage. Der Prunk ist überwältigend. Unsere Führerin hat Ahnung und klappert dennoch alle Abteilungen ab, um uns auf den Geschmack zu bringen. Manche bleiben noch im Museum, die anderen besteigen bei eisigem Wind den Turm der Isaakskathedrale, was mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt belohnt wird.                     

Samstag, 24. März 2018: Heute begibt sich die Gruppe Schmidt zusammen mit Anna Muravska auf die Spur von Anatolij Schtscherbakow, der auf dem Ehrenfriedhof für sowjetische Kriegsgefangene in Bergedorf bestattet wurde. Er starb im Juni 1942 an den Folgen von Unterernährung bei der Zwangsarbeit für das KZ- Neuengamme. Sein Wohnhaus hätten wir ohne Anna sicher nicht gefunden, denn der damalige Straßenname (Kirowskij-Prospekt) wurde durch einen neuen Namen ersetzt, weil Kirow als starker Mann Leningrads einer Säuberungsaktion von Stalin zum Opfer gefallen ist. Das sehr stattliche Haus, ein Komplex mit 250 Wohneinheiten, gibt es noch, Bewohner mit diesem Namen kennt die Pförtnerin aber nicht.

Auf dem Weg zurück besuchen wir die Peter- und Pauls-Festung auf der sog. Haseninsel und geraten in eine Ausstellung von Militärfahrzeugen. Wer möchte kann auf die Panzer klettern. Den Nachmittag nutzen die Schüler zum Shoppen und zur entspannten Stadterkundung auf eigene Faust.

Sonntag, 25.6.2018: An unserem letzten Tag in St. Petersburg wird es noch einmal richtig anstrengend. Mit Anna und ein paar Mitgliedern des Deutsch-russischen –Jugendclubs besuchen wir zuerst das riesengroße Gräberfeld für die zwei Millionen zivilen Opfer der Blockade (Pitrowskoje).Eine besondere Atmosphäre steht über dieser Anlage, der hohe Schnee deckt die Inschriften zu und hüllt das Grauen in Watte. Die ewige Flamme flackert ruhig vor sich hin. Eine traurige Musik, die den großen Friedhof geschallt, macht uns klar, wo wir uns befinden.

Unser Busfahrer Igor fährt uns sicher auf verschneiten Straßen an die damalige Frontlinie, dem sog. Flaschenhals. Auch hier hoher Schnee, Panzer, Mahnmale, Grabsteine. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie kalt es wohl für die Soldaten im Winter 41-42 gewesen sein muss. Schließlich erreichen wir Sologubowka, den größten deutschen Soldatenfriedhof weltweit. Ein Projekt des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge. Er liegt ca 70 km von St. Petersburg entfernt und wurde 2003 eingeweiht Auf ihm liegen die sterblichen Überreste von 80 000 deutschen Soldaten. Über 30 000 Namen sind bereits auf Grabsteine eingraviert. In der restaurierten russisch-orthodoxen Kirche wurde ein Gedenkraum eingerichtet. Hier sind die Listen mit den Namen aller gefallenen oder vermissten deutschen Soldaten gelagert!!

Auf dem Weg zurück in die Stadt machen wir noch einen Abstecher an den Ladogasee, wo wir Eisfischern bei ihrer „Arbeit“ zusehen. Es war auch ein Ausflug auf den Spuren unserer Großväter, Urgroßväter, die im Kampf für die Menschen verachtenden Ziele der Nazis ihr Leben gelassen haben.

Montag, 16.März 2018: Wir verlassen pünktlich und voller Vorfreude auf Hamburg unser freundliches Hotel mit vielen Eindrücken und Erlebnissen in dieser fremden und doch so vertrauten Stadt mit ihrer bewegten und bewegenden Geschichte.

Gudrun Petri (CPG), Gerda Schmidt (GSB)

 

Stadtteilschule Bergedorf
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21033 Hamburg, Germany

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